Frühkindliche Reflexe können das Lernen beeindrächtigen

30. September 2019

Lernen und Verhalten

Lernprobleme oder Verhaltensprobleme entstehen meist im frühen Kindesalter. Dann wenn ein Teil der frühkindlichen Reflexe nicht zurück gebildet worden sind. Häufig zu einem Zeitpunkt, indem die vorliegenden Probleme nicht relevant sind. „Er ist halt ein Wilder!“ oder „Er ist eben tollpatschig!“ erklären Eltern und Lehrer die etwas aus dem Rahmen fallende Entwicklung und „Das wächst sich schon aus!“ trösten sie sich und andere und somit besteht Hoffnung auf Besserung oder Verschwinden des auffälligen Verhaltens.

Viele Dinge, die Eltern in der Entwicklung ihrer Kinder beunruhigen, geben sich mit der Zeit tatsächlich zum großen Teil wieder, da sich jedes Kind unterschiedlich schnell entwickelt und Entwicklungsfortschritte und Reifungsprozesse verschieden schnell ablaufen und durchgemacht werden.

Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, in denen sich Kinder allem Anschein nach „normal“ entwickeln, aber in bestimmten Aspekten ihrer Entwicklung unreife Muster aufweisen. Diese unreifen Muster sind nicht immer sofort erkennbar, aber im Laufe der Entwicklung eines Kindes können sie sich bemerkbar machen und sich als Lernprobleme oder Verhaltensschwierigkeiten zeigen und bestehen bleiben.

Aber es sind Probleme, die keinesfalls hingenommen, sondern mit Hilfe verschiedenster Strategien überbrückt werden müssen. Sie können aktiv mit Ihrem Kind etwas tun, damit das Leben für sie beide leichter wird. Lernen und Konzentrieren werden einfacher und Schule kann wieder Spaß machen.

Ja, aber was hat das mit unseren Reflexen zu tun?

Damit der Zusammenhang klar wird, hier einige Informationen über Reflexe:

Was sind frühkindliche Reflexe und wofür brauchen wir sie?

„Frühkindliche Reflexe sind automatische, stereotype Bewegungen, die vom Gehirnstamm gelenkt und ohne Beteiligung des Kortex ausgeführt werden. Die Reflexe sind grundlegend für das Überleben des Babys in den ersten Lebenswochen und bilden ein rudimentäres Training für viele spätere willensgesteuerte Fertigkeiten. Allerdings sollten die frühkindlichen Reflexe nur eine begrenzte Lebensdauer haben; sobald sie ihre Aufgabe erfüllt haben und dem Baby geholfen haben, die ersten riskanten Lebensmonate zu überleben, sollten sie durch höhere Zentren des Gehirns gehemmt oder kontrolliert werden.“ Sally Goddard Blythe

Bereits im Mutterleib trainiert das Kind Bewegungsabläufe, die für die Geburt des Babys notwendig sind und gebraucht werden. Ebenso werden schon während der Schwangerschaft im Embryo die frühkindlichen Reflexe angelegt. Die meisten werden durch bestimmte Schlüsselreize bei der Geburt aktiviert, damit das Neugeborene mit seiner neuen Umgebung klar kommt.

Die Hemmung und Kontrolle der Reflexe ist für jeden Menschen lebensnotwendig, da nur so willentliche Reaktionen möglich sind.

Im Idealfall werden die Reflexe zwischen dem 6. Und 12. Lebensmonat abgebaut bzw. gehemmt. Wie lange ein Reflex wirksam ist, kommt auf seine Aufgabe an.

Unsere Entwicklung des Nervensystems hat Einfluss auf die Entwicklung und Hemmung unserer Reflexe. So lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Reflexen und der Reife des zentralen Nervensystems herstellen.

Am Beispiel Palmar – Reflex (Greifreflex) ist gut erklärbar, wie wichtig die Hemmung des Reflexes ist, damit optimale Weiterentwicklung möglich ist.

Der Palmar-Reflex gilt als Rest einer früheren Stufe der menschlichen Evolution, als das Festklammern an der Mutter für das Neugeborene Sicherheit bot. Das unwillkürliche Greifen ist jedoch nur für einen begrenzten Zeitraum dienlich, da wir unsere Hände als Werkzeuge nutzen, die wir willentlich steuern möchten.

Ist der Palmar-Reflex länger als 3 Monate nach der Geburt wirksam oder wurde er nicht vollständig gehemmt, so kann es in fortschreitender Entwicklung zu folgenden Problemen kommen:

  • Handflächen bleiben überempfindlich für taktile Reize
  • Geschicklichkeit der Hände und Finger kann beeinträchtigt sein
  • Fehlender Pinzettengriff, was Auswirkungen auf die Stifthaltung beim Schreiben haben kann.
  • Fehlerhafte Stifthaltung, die wiederum Auswirkungen auf das Schriftbild und die Handschrift haben kann.

Zwischen Handfläche und Mund gibt es direkte neurologische Zusammenhänge, die während des Stillen häufig zu beobachten sind. Durch das Saugen an der Brust wird der Palmar-Reflex ausgelöst; das Baby knetet dabei mit seinen Händen oder ballt sie immer wieder zu Fäusten; dies nennt man die Babkin-Reaktion. Der Zusammenhang zwischen Händen und Mund wird am Beginn des Schreibens oder Zeichnens bei Kindern meist nochmals für kurze Zeit sichtbar, wenn sie durch die erhöhten Anstrengungen der Hände zu auffallenden Mundbewegungen oder Zungenbewegungen neigen. Sind die Handbewegungen automatisiert fallen im Idealfall die Mund- und Zungenbewegungen weg.

Ist der Greifreflex nicht vollständig gehemmt so kann es aufgrund der Babkin-Reaktion auch zu:

  • Sprachschwierigkeiten
  • Mundbewegungen während Schreiben und Zeichnen kommen, die dem Kind sehr viel Energieaufwand abverlangen.

Sind Reflexe nicht oder nicht vollständig gehemmt, dann spricht man von persistierenden frühkindlichen Reflexen, die in der weiteren Entwicklung des Kindes Probleme beim Lernen, aber auch im Verhalten verursachen können. Diese Probleme können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben, auch wenn sich im Laufe der Zeit einige Schwierigkeiten „scheinbar“ geben. Warum nur scheinbar? Weil wir uns aufgrund unserer Gehirnleistung und Intelligenz Strategien zurechtlegen können, die uns ebenfalls ans gewünschte Ziel bringen.

Wie werden Reflexe abgebaut?

Frühkindliche Reflexe werden durch ausreichende Stimulation und durch altersentsprechende, einfache, sich immer wiederholende Bewegungen oder Bewegungsmuster Schritt für Schritt abgebaut. Die Reflexmuster werden als bewusste Bewegungsmuster integriert, Bewegungen können bewusst gesteuert und gesetzt werden.5Der Abbau der Reflexe sollte innerhalb eines bestimmten Zeitfensters vollzogen sein.

Grundsätzlich sind die Anlagen des Menschen so konzipiert, dass ein selbständiger Abbau der Reflexe möglich ist. Durch verschiedenste Umstände kann es jedoch dazukommen, dass die einzelne Reflexe nicht aktiviert werden und/oder vollständig gehemmt werden. Probleme in der Schwangerschaft, Probleme bei der Geburt, wie Kaiserschnitt, Frühgeburt, Stillprobleme, schwere Erkrankungen innerhalb der ersten beiden Lebensjahre, wie Fieberkrämpfe, häufige HNO Erkrankungen…  sind nur einige Beispiele, die sich ungünstig auf die Reflexentwicklung und Reflexhemmung auswirken können und somit die neurologische Entwicklung verzögern können.

Unterstützung durch neurophysiologisches Training:

Für Eltern ist vor allem die Erkenntnis wichtig, dass Lernschwierigkeiten und Verhaltensprobleme ein Resultat von persistierenden Reflexen sein können und es Möglichkeiten gibt, die noch vorhandene Reflexaktivität zu hemmen beziehungsweise zu integrieren, um so eine Verbesserung der Lernsituation zu erlangen.

Es gibt ein neurophysiologisches (sensomotorisches) Trainingsprogramm, das ihr Kind und vielleicht auch Sie dabei unterstützen kann, noch aktive Reflextätigkeit zu integrieren.

Die Übungen, die in Rücken-, Bauchlage, in der Bankstellung und im Stehen gemacht werden sind auch zu Hause einfach durchführbar.

Es erfordert ein gewisses Mass an Disziplin und Durchhaltevermögen, damit der gewünschte Erfolg eintreten kann, denn ca. 1 Jahr Training sollte einberechnet werden. Gerade zu Beginn des Trainings gelangen sie vielleicht auch mal an den Punkt, an dem sie denken, es wird alles noch schlimmer und sie sind nahe dran aufzugeben. Ist diese Hürde jedoch überwunden, geht es meist schnell bergauf und erste Erfolge werden für Sie und ihr Kind sichtbar. Die Stifthaltung und die Schrift verbessert sich, das Lesen fällt leichter, die Malreihen können besser gemerkt werden und konzentrieren über einen längeren Zeitraum wird möglich. Je nachdem in welchem Bereich Schwierigkeiten auftreten.

Ich empfehle Eltern die Übungen unbedingt mit ihren Kindern mitzumachen, da sie so ein optimales Vorbild für ihr Kind sind. Gleichzeitig können sie sich selbst beobachten und erhalten einen Eindruck davon, wie schwierig die motorischen Übungen sein können und welch große Wirkung sie in sich bergen. Zudem spornt es Kinder an, wenn sie in manchen Bereichen geschickter als ihre Eltern sein können.

In meiner Praxis habe ich ein neurophysiologischen (sensomotorischen)Trainingsprogramm entwickelt, welches ich ab 1.1.2020 in Basel anbiete. Das pädagogische Programm ist in Kombination mit Brain Gym sehr wertvoll.